kickstarter
Press - Fono Forum - Original version
Scherze des Schicksals
 
Das Trio Voces Intimae kommt aus Italien, spielt Klaviertrios des Deutsch-Franzosen Théodore Gouvy – und füllt damit eine interessante Repertoirelücke. Steht eine Gouvy-Renaissance bevor? Marco Frei traf Riccardo Cecchetti, den Pianisten des Klaviertrios, in Florenz.
 
Herr Cecchetti, inwieweit gibt es Parallelen zwischen Théodore Gouvy und César Franck?
 
Das betrifft vor allem ihre Herkunft und die Tatsache, dass sich beide zwischen der französischen und deutschen Kultur bewegten. Und ähnlich wie Franck hatte ebenso Gouvy belgische Wurzeln, auch wenn die deutsch-französische Herkunft zentraler ist. Aber sie haben anders komponiert, wenn man nur die Harmonik und Chromatik bei Franck betrachtet. Beide entwickeln einen großen Geschmack für das Thema und das Cantabile, aber Gouvy experimentiert weniger als Franck – vor allem harmonisch. Andererseits findet sich bei beiden auch Opernhaftes.
 
Nämlich?
 
Wenn wir über das Verdi – und Wagner – Jubeljahr 2013 reden, fällt einerseits auf, dass Wagner sicherlich eine starke Inspirationsquelle für Franck war. Als wir uns für die CD mit Gouvy auseinandergesetzt haben, konnten wir andererseits in seiner Musik auch Verdi wahrnehmen. Jedenfalls scheint die italienische Oper eine nicht zu unterschätzende Inspirationsquelle für Gouvy gewesen zu sein – die Leichtigkeit mancher Themen etwa. Zu diesem Zeitpunkt wissen wir nicht mehr über Gouvy, aber womöglich wird sich das noch ändern. Und natürlich, Mendelssohn, Schumann und andere deutsche Komponisten seiner Zeit hatten einen ganz zentralen Einfluss auf Gouvy.
 
Was hat Sie an meisten an Gouvys Musik überrascht?
 
Als uns der wissenschaftliche Direktor des Palazzetto Bru Zane von Gouvy erzählte, war dies für uns ehrlich gesagt nur ein Name – nicht mehr. Beim Studium der insgesamt für Klaviertrios, von denen wir drei eingespielt haben, stellten wir eine bemerkenswerte Handschrift fest. Seine Poetik, das ist schon sehr erstaunlich. Zweifellos ist das ein sehr origineller, eigener Komponist, vielleicht auch wegen seiner Herkunft. Er wurde in ein Gebiet hineingeboren, das historisch geprägt war von kriegen zwischen Frankreich und Deutschland. Obwohl er familiär französisch war, ist er erst mit 32 Jahren französischer Staatsbürger geworden. Diese frankodeutsche Herkunft ist sehr spannend.
 
Brachte sie aber nicht auch immense Schwierigkeiten mit sich?
 
Ja. Die Tatsache, dass er zwischen zwei sehr starken Kulturen und Realitäten stand, hat einerseits seine künstlerische Aktivität bereichert. Andererseits war dies ein großes Hindernis für seine Karriere. Aber wenn man diese Musik hört oder spielt, stellt man iheren großen Wert fest. Es ist ein hässlicher Scherz des Schicksals und der Geschichte, dass diese Musik so vergessen werden konnte. Vielleicht wird sie nun wiederentdeckt.
 
Was zeichnet Gouvys Musik aus?
 
Man hört die frankodeutsche Herkunft. Natürlich gibt es einen großen Einfluss der deutschen Romantik, aber auch der französischen Romantik. Klar, wenn man Gouvys Klaviertrios vergleicht mit Opus 100 von Franz Schubert oder dem ersten Klaviertrio von Mendelssohn, stehen sie eine kleine Stufe darunter. Das Ergebnis aber ist ein ausgeprägter Personalstil – sehr romantisch und zugleich kenntnisreich, wenn es um den Einsatz der Instrumente geht.
 
Gleichwohl steht Ihr Auftritt im Palazzetto Bru Zane im Mai 2013 in Venedig mit Klaviertrios von Gouvy unter dem Motto „Huldigung an Mendelssohn“, was unüberhörbar zutrifft.
 
Ja, aber nehmen Sie das Hauptthema des zweiten Trios, des unsere CD einläutet. Die Inspiration kommt von Mendelssohn, aber die weitere Entwicklung des Themas ist sehr eigen. Im dritten Trio ist vieles hingegen sehr eng an Schubert orientiert, und generell sind alle langsamen Suatze einfach wunderschön: Das Larghetto des vierten Trios gefällt mir am besten. Auch das Menuett des vierten Trios verrät viel von der eigenen Handschrift Gouvys. Schon alleine der Gebrauch des Wortes Menuett in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts sagt viel aus über das künstlerische Sein von Gouvy. Er war zur gleichen Zeit modern und der Tradition verpflichtet. Der Satz heißt Menuett, aber es gehört schon viel Fantasie dazu, das zu hören – weil es eher ein Scherzo ist. Das hat eine große rhythmische Kraft und lässt doch dem Klang und der Phrase viel Raum. Das ist sehr eigen.
 
Wo und wie haben Sie die CD eingespielt?
 
Gouvy ist in Leipzig gestorben, wo wir die CD aufgenommen haben. Das war natürlich ein Glücksfall. Ich habe auf einem Pleyel aus Leipzig gespielt, von Mitte des 19.Jahrhunderts. Meine Kollegen musizierten auf ihren Instrumenten, Luigi De Filippi auf einer Violine von Mariani von 1648 und Sandro Meo auf einer Kopie nach einem Cello con 1700 – mit Darmsaiten. Wir haben einen bestimmten Weg eingeschlagen, Musik aufzuführen, um ihr einen bestimmten Atem zurückzugeben. Manche Lösungen sind mit modernen Instrumenten kompliziert, während sie auf Originalinstrumenten natürlich werden – auch wenn andere technische oder interpretatorische Schwierigkeiten zu überwinden sind.
 
Welche waren das bei Gouvy?
 
Ein großes Problem war, der Musik eine Leichtigkeit zu geben. Natürlich ist Gouvys Musik sehr reich, und es ist nicht falsch, die Beziehung zu Mendelssohn hervorzuheben. Manchmal gibt es diesen Reichtum in den Stimmen – wenn auch ausgeglichener als bei Mendelssohn, der für das Klavier teils sehr schwierig geschrieben hat und für die Streicher einfacher. Gouvy hat eine ausgleichendere Schreibweise, was es aber schwieriger macht, ihn von bestimmten rhetorischen Elementen „abzutrocknen“. Womöglich hat es uns geholfen, dass wir schon viel Mendelssohn und Schubert gespielt haben – und zwar so, als ob sie noch nie aufgeführt worden wären, um wirklich etwas anderes herauszuholen.
 
Zum Beispiel?
 
Wir haben beispielweise die Metronomzahlen von Mendelssohn ernst genommen und sie nicht als Verrücktheiten abgetan. Mit Originalinstrumenten sind sie möglich. Aber es geht nicht so sehr um die Originalinstrumente, sondern um eine spezielle Art und Weise, Musik aufzuführen. Bestimmte rhetorische Modeerscheinungen der letzten 70 Jahre muss man eliminieren, um den Werken Vitalität zu geben. Da wir aber diesen Kurs seit mehr als zehn Jahren verfolgen, hilft es uns sehr.
 
Gab es auch Ärger?
 
Anfangs schon. Als wir 1993/1994 – noch als Italiano Piano Quartet – Brahms auf Originalinstrumenten aufgenommen haben, was das für viele ein Schock. Das sei nicht Brahms, war zu hören. Vielleicht waren wir zu schnell, es war zu früh. Wir pflegen aber nicht einen 100-prozentigen Originalklang, weil wir auch das moderne Repertoire betrachten. Das macht unser Marketing nicht einfacher, denn wir bewegen uns zwischen der historischen Aufführungspraxis und dem modernen Instrumentarium. Für die einen sind wir zu alt, für die anderen zu modern. Es wäre schön, wenn sich diese Barrieren auflösten – zumal diese Stempel auch in gewisser Weise komisch sind. War Beethoven ein Klassiker und Schubert ein Romantiker? Beide sind fast zur gleichen Zeit gestorben.
 
Aus den ehemaligen Erzfeinden Deutschland und Frankreich sind heute Freunde geworden, die der Motor sind für die Europäische Union. Derzeit steckt die EU in einer existenziellen Krise. Was kann uns das Schicksal Gouvys vermitteln?
 
Dass uns unsere Differenzen und Verschiedenheiten stark machen, weil das unseren kulturellen Reichtum in Europa auszeichnet. Teilung habe ich immer als Dummheit empfunden. Krisen meistert man nur vereint, nie getrennt. Kriege reißen auseinander, Fortschritt aber und Wohlstand erreicht man nur vereint und gemeinsam. Die Kräfte Europas sind in jeder Hinsicht enorm. Die Größe unserer Kulturen und der Bevölkerungen erlaubt uns, diese Krise zu überwinden und ein Beispiel für die ganze Welt zu werden. Wenn jeder nur auf seine Besonderheit starrt und beharrt, erreicht man nichts. Gouvy hat durch solche Trennungen sehr gelitten. Eine Einheit wächst nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch – das dürfen wir nicht vergessen.
 
Voces Intimae
 
In Deutschland kennt man sie noch wenig, andernorts werden sie für ihre stilsicheren, auch historisch informierten Gestaltungen gefeiert. Vor über zehn Jahren gegründet, verweist der Ensemblename auf das gleichnamige Quartett von Jean Sibelius. Denn für sie sind die Instrumente Medien, durch die sie interpretatorische und schöpferische Haltungen vermitteln möchten. Weitere Infos unter www.vocesintimae.it
 
Théodore Gouvy
 
Kaum ein anderer Komponist war derart hin – und hergerissen zwischen zwei Nationen, die sich zu dieser Zeit feindlich gegenüberstanden, wie Théodore Gouvy. 1819 im heutigen Saarland als Kind eines französischen Industriellen geboren, war er gleichermaßen von der deutschen und französischen Kultur beeinflusst. Seine Vorfahren stammten aus Belgien. Weil er zunächst die französische Staatsbürgerschaft nicht besaß, wurde ihm das Studium in Paris verwehrt. Zeitlebens wurde er in Deutschland wärmer aufgenommen als in Frankreich. Gouvy starb 1898 in Leipzig, sein bekanntestes Werk ist das Requiem von 1874.
 
Gouvy-Festival
 
Wer tiefer in Gouvys Schaffen eintauchen möchte, sollte nach Venedig fahren. Dort lädt das „Centre de Musique Romantique Française“ in den Palazzetto bro Zane, wo vom 20. April bis zum 31. Mai 2013 ein großes Gouvy-Festival stattfindet. Unter dem Motto „Grenzgänger zwischen Frankreich und Deutschland“ wird eine Werkschau geboten, die sich vor allem auf die Kammer-, Klavier- und Vokalmusik konzentriert. Besonders spannend: Gouvy wird stets mit anderen Komponisten seiner Zeit konfrontiert. Auch Voces Intimae sind dabei. Weitere Infos unter www.bru-zane.com.
 
Reingehort
 
Der besondere Reiz dieser CD liegt nicht nur darin begründet, dass kaum bekannte Werke eingespielt wurden. Vielmehr belegen die Gestaltungen, wie sehr es sich lohnt, gerade auch den Klang der Romantik flexibel zu befragen. Damit punkten die Musiker – und eröffnen Perspktiven, die über Gouvy hinausgehen.
 
„Gouvy war zur gleichen Zeit modern und der Tradition verpflichtet“